Plus + – Minus

Das ästhetische Mehr oder Weniger von Produktionsweisen in Ökonomien der Krise

FRG : Greece 4:1 European Football Championship, June 2012

Eine Veranstaltungsreihe des top e.V., Berlin/Kassel in Kooperation mit der Rosa Luxemburg Stiftung Hessen

Wir fragen nach den aktuellen und historischen Zusammenhängen von Erkenntnismöglichkeiten und demokratischer Debatte sozio-ästhetischer Art – mitten im “Auge des Hurrikans” neo-imperialistischer Politik – und welche Praxen vor uns liegen.

 

POT
Kurt-Schumacher-Str. 27
34117 Kassel
Germany
http://g.co/maps/jzxmp

 

Programm / Programme

Pablo Hermann, Diaz Juan Pablo, Andrius Savickas (okk, Berlin). “Biennalisierung politischer Kunst / Biennalisation of political Art”. Präsentation, Vortrag + Diskussion / Presentation, Talk + Discussion (dt./en.): Fr., 20.07.2012 20:00

Robert (Leipzig). “Aufhebung der Kunst”. Vortrag + Diskussion (dt.): Fr., 27.07.2012 20:00

Francis Hunger (Künstler, Leipzig). “Tradition der Erbfeind, Modernismus der falsche Freund” (Hannes Meyer). Vortrag + Diskussion (dt.): Sa., 28.07.2012 20:00

Guenther Sandleben (Ökonom, Berlin). “Krise? Einige Basics zum Kapitalismus”. Vortrag + Diskussion (dt.): Sa., 04.08.2012 20:00

Vladan Jeremic (Künstler, Belgrad). “I will never talk about the war again”. Vortrag + Diskussion (dt.): Di., 14.08.2012 20:00

Ira Kormannshaus (Filmkuratorin, Berlin). “Aktueller politischer Dokumentarfilm im Russland”. Vortrag + Diskussion (dt.): So., 09.09.2012 20:00 Abweichender Veranstaltungsort: Karoshi, Gießbergstraße 41-47, 34127 Kassel

(Weitere Informationen zu den Themen und den Gästen siehe unten / More informations about the topics and the guests see below)

 

Die Krise der Demokratie (westlicher Prägung) ist eine ökonomische Krise. Alle “Verarmungspolitik” mit ihren Lohnkürzungen, dem Sozialabbau und den steigenden Spannungen zwischen den Schichten der Klassen weist darauf hin. Wer von Post-Demokratie spricht, meint das im Hinblick auf den “Arabischen Frühling”, aber nicht immer in diesem Sinne. Zwischen einem entstehenden bürgerlichen System und einer bereits bestehenden bürgerlichen Kultur gibt es offenbar gewaltige Unterschiede. Die Krise des Kapitals ist, das kann festgehalten werden, keine reine Finanzkrise, sondern eine der Produktion und Überakkumulation. Daraus ergeben sich Fragen an die zwei Konzepte zur Erklärung der Krisenentwicklung und ihrer politischen Auswirkungen: Hegemonie und Ökonomie.

Im Hegemoniekonzept des Sozialen kommt ein erweiterter Begriff der Kultur zur Anwendung, der Ästhetik von der Einflussnahme aufs Bestehende nicht nur nicht ausschließt, sondern ihr sogar eine grundsätzliche Rolle zuweist, die nicht nur weit über die illustrative Rolle hinausgeht. Sie wird zu einem Kern der Alltags-Bewältigung oder gar Umwälzung überhaupt. Das Politische der Ökonomie wird dabei weder nur thematisiert noch bebildert. Beide werden in ihrer Widersprüchlichkeit als treibende Kräfte erkannt.

Das Projekt nimmt dabei die These auf, dass Kultur zu verändern auch heißt, sie auf ihre Funktionen und Grenzen hin zu befragen. Um zu sehen, ob es für das Handeln aufgrund von Erkenntnis ausreicht, andere, kritische Inhalte zu produzieren, oder ob die Strukturen der politischen Raumproduktion und der Produktion des politischen Raums nicht als solche und in ihrer Form zur Disposition stehen.

Alle eingeladenen Gäste (Referenten und Referentinnen) des Programms sind angefragt, ihren medialen und thematischen Rahmen zur Diskussion zu stellen, um ihren Ansatz zur politischen Raumproduktion und der Produktion des politischen Raums darzulegen im Bezug zu den Ökonomien der Krise vor allem im EURO-Raum. Das Prinzip des Gastes hilft hierbei, Expertenbefragung zu vermeiden und sich im POT (dem “Point of Transaction”) in der Debatte und den Artikulationsformen horizontal zu verorten. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt dabei immer bei der Frage nach dem “Plus und Minus” des individuellen oder kollektiven Handelns. Ist dieses Mehr oder Weniger einfach aufzulösen im Gegensatz von rationalem Gewinnstreben und irrationalem sozialem Verhalten? Wie sieht Veränderung gegen herrschende Verhältnisse jenseits der Protestforschung aus?

 

Pablo Hermann, Diaz Juan Pablo, Andrius Savickas (okk, Berlin)

“Biennalisierung politischer Kunst / Biennalisation of political Art”

Fr., 20.07.2012 20:00

Die Situation der globalisierten Gesellschaft ist eine widersprüchliche. Einerseits werden Städte und ihre Institutionen zu “Inkubatoren” <Brütern> ausgebaut und Start Ups werden hofiert bzw. hofieren sich gegenseitig, andererseits versucht eine kritische Kunst sich als Kunst zu etablieren. Wie geht das zusammen und wie nutzt die herrschende Klasse, wie nutzen die Kasten und Kartelle das ästhetische ‘Machen’ mit allen gegenläufigen Formen der Selbstausbeutung und der Subventionierung? Wie funktioniert ‘die’ oder ‘eine’ Biennalisierung politischer Kunst und warum sind ausgerechnet Universitäre an der Kritik des Spektakels interessiert?

okk http://www.kritische-kunst.org

 

Robert (Leipzig)

“Aufhebung der Kunst”

Fr., 27.07.2012 20:00

Indem die Kunst ihr klassisches Ideal aufgeben muss, beginnt die ihre  Auflösung. Der Vortrag skizziert die wichtigen Stationen dieser  Auflösungsbewegung mit besonderem Fokus auf das Werk Lautréamonts sowie die klassischen Kunstavantgarden nach dem 1. Weltkrieg. Damals wollte  der Dadaismus die Kunst wegschaffen, ohne sie zu verwirklichen; der Surrealismus wollte die Kunst verwirklichen, ohne sie wegzuschaffen. Der Referent sieht sich der Situationistischen Einsicht verpflichtet, dass die Selbstzerstörung und ihre Verwirklichung zwei Seiten der selben Aufhebung der Kunst sind.

(alter vorläufiger Ankündigunsgtext:) Eine Ende oder das Enden der K***t als gesellschaftliche Sinnstätte und sozialem Prozess ist nicht abzusehen, im Gegenteil: “Man kann wohl hoffen, daß die Kunst immer mehr steigen und sich vollenden werde,” und [orig “aber”] “ihre Form” wird [orig. “hat aufgehört”,] “das höchste Bedürfnis des Geistes zu [sein].” (Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik) Denn Praxis schlägt Geist.

 

Francis Hunger (Künstler, Leipzig)

“Tradition der Erbfeind, Modernismus der falsche Freund (Hannes Meyer)”

Sa., 28.07.2012 20:00

Hannes Meyer gehört zu den von der Kunstgeschichtsschreibung weitesgehend ignorierten Bauhäuslern, die sich selbst als Kommunisten bezeichnet haben. In der Bundesrepublik war er mit seiner Haltung ebensowenig gelitten, wie mit seinen funktionalistischen Ansätzen in der DDR. Meyer ging 1930 nach seinem Rauswurf als Bauhausdirektor in die Sowjetunion, wo er hoffte seine kommunistischen Einstellungen in einer funktionalistischen Architektur jenseits kapitalistischer Zwänge umsetzen zu können. Sein Aufenthalt bis 1936 markiert jedoch auch die Zeit einer zunehmenden Stalinisierung der sowjetischen Gesellschaft sowie Meyers politischer Einstellungen.

In einem Vortrag zieht Francis Hunger (Leipzig) Fluchtlinien durch die Geschichtsschreibung, die sich mit dem Komplex Moderne-Fordismus-Stalinismus umreissen lassen. Die Recherche zu Hannes Meyer ist Teil einer lose angelegten Auseinandersetzung mit den Bezugspunkten Moderne und Kommunismus auf dem Blog Nothere, http://nothere.irmielin.org

 

Günther Sandleben (Ökonom,Berlin)

“Krise? Einige Basics zum Kapitalismus”

Sa., 04.08.2012 20:00

Die Auswirkungen der katastrophalen wirtschaftlichen Situation seien noch nicht abzusehen, hört man immer wieder. Stimmt das? Kann mit fundiertem Wissen und argumentativer Diskussion nicht herausgearbeitet werden, wie es dazu kam und welche Szenarios noch folgen? Wenn ja, wie kann alles im Zusammenhang verstanden werden?

Günther Sandleben hat die sich seit etwa 2008 aufbauende Krise des Kapitals in seinem Buch “Finanzmarktkrise – Mythos und Wirklichkeit”* dargestellt und analysiert. Er identifiziert eine generelle Überproduktion und weist nach, dass alle Versuche einer Rettung der Ökonomie des Geldes, so wie sie auf der Mehrarbeit der Lohnabhängigen bestehen, zur Katastrophe führen, zu Staatschulden, Armut und Europäischer Grossmachtpolitik.

Die Reihe “Plus + – Minus: Das ästhetische Mehr oder Weniger von Produktionsweisen in Ökonomien der Krise”, gefördert von der Rosa Luxemburg Stiftung Hessen, fragt nach, wie man Kenntnisse der Krisenentwicklung und alltägliche Erfahrungen mit einem Gewinn jenseits des Profits in Verbindung bringen kann.

Günther Sandleben wird im POT, dem Projektraum des top e.V. in der Kurt-Schumacher-Str. 27 in Kassel einige Fakten und Thesen vortragen und zur Diskussion stellen. Wir laden ein, mit zu reden.
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* http://www.proletarische-plattform.org/proletarische-texte

 

Vladan Jeremic (Künstler, Belgrad)

“I will never talk about the war again: Krise und Peripherie – über die Notwendigkeit einer linken Kulturpraxis”

Di., 14.08.2012 20:00

Die Balkanregion gilt seit jeher als Pulverfass und Krisenherd, so haben es Generationen von europäischen Historikern und Journalisten festgeschrieben. Die bürgerlichen Medien stellten die Jugoslawienkriege meist als Zivilisationsbruch vor und vermittelten das Bild von einem archaischen Ausbruch ethnisch-religiös motivierten Hasses. Unbestritten stellen diese Kriege von 1991 bis 2001 eine Katastrophe dar; mehr als 100.000 Menschen kamen ums Leben, die meisten in Bosnien und Herzegowina. Die Zerstörung der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien und deren Aufteilung in neue Kleinstaaten diente nicht nur lokalen kapitalistischen und nationalistischen Interessen, sondern vervollständigte die Restauration des Kapitalismus im gesamten europäischen Raum. Heute befindet sich die Region in einem neokolonialistischem Abhängigkeitsverhältnis von den machtpolitischen Zentren EU und USA und ihren ökonomischen Instrumenten neoliberaler Politik.

Eröffnet die Krise, die in den Gesellschaften der Peripherie den Klassenwiderspruch noch schärfer zuspitzt und die Gesellschaft weiter in die Faschisierung treibt, eine Notwendigkeit für den linken Gegenentwurf? Wie steht es in dieser Situation um einen emanzipatorischen Diskurs in Kunst und Kultur? In den letzten Jahrzehnten als wichtige Akteure beim “Aufbau der Zivilgesellschaft” identifiziert und finanziert, standen zeitgenössische Kunst, Kultur und politische Bildung wesentlich unter dem Einfluss liberaler Ideologien. Trotzdem gibt es Ansätze, eine linke Position in der Kunst neu zu formulieren.

Vladan Jeremic wird nach einem Bericht über die politische und sozial-ökonomische Lage in Serbien eine entsprechende Fallstudie zur Diskussion stellen. Es geht um die Kunstausstellung “I will never talk about the war again”, die sich mit den Ursachen und Auswirkungen der Jugoslawienkriege auseinandersetzt. Mit der Einführung der historisch materialistischen Methode versucht die Ausstellung, die zur Zeit in Maribor gezeigt wird, der Essentialisierung des Krieges entgegenzutreten und eine Analyse ihrer gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Bedingungen zu geben.

Materialien zur Vorbereitung für die Diskussion:
Link: Bericht über die Verschärfung der Krise in Serbien
http://www.transform-network.net/uploads/media/Serbia-2012-Jeremic__2_.pdf

Link: Faltblatt zur Ausstellung “I will never talk about the war again”
http://birobeograd.info/pdf/maribor_zlozenka_nikoli_vec_w.pdf

 

Ira Kormannshaus (Filmkuratorin, Berlin)

“Aktueller politischer Dokumentarfilm im Russland”

So., 09.09.2012 20:00

Abweichender Veranstaltungsort:
Karoshi
Gießbergstraße 41-47
34127 Kassel
http://karoshi-kassel.de

Der sowjetische Dokumentarfilm entwickelte ab Mitte der 60er mit der Leningrader Schule ein “menschliches Antlitz”. Dieses ging bei der TVisierung des russischen Dokumentarfilms Mitte der 90er vor die Hunde. Wie sieht es aktuell aus – stimmt die Behauptung von der Avantgarde-Funktion der Kreativen oder hinken diese hinterher?
Gerade jetzt in Zeiten des zugleich marginalen und höchst medienwirksamen Protests in Russland (Stichwort Pussy Riot) wird diese Frage mehr als spannend.

(Der Veranstaltungsort kann eventuell noch kurzfristig geändert werden. Bitte beachtet die Angaben auf dieser Webseite.)

 

 

Der POT ist ein temporärer Projektraum des top e.V. Berlin parallel zur Documenta 13 in Kassel.
“Kunst in der Krise – Krise in der Kunst”
Veranstaltungsprogramm der RLS-Hessen anlässlich der dOCUMENTA (13) in Kassel
http://www.hessen.rosalux.de/fileadmin/ls_he/dokumente/rls_hessen_documenta_programm.pdf

Weitere Veranstalter des Programms:
http://karoshi-kassel.de
http://www.schlachthof-kassel.de
http://www.cafebuchoase.de

 

top e.V.        Rosa Luxemburg Stiftung Hessen